Doktor Faustus

Durch einen glücklichen Umstand konnte ich, bevor mich die herangenahte Familie mit neuem Lesestoff versorgte, die Durststrecke überwinden. Die WGs meiner Freiwilligen-Kollegen sind mit einigen Büchern angefüllt, viele politische Sachbücher, Sachen, die Israel betreffen, und auch „Belletristik“ im weiteren Sinn. So kam ich dazu, nachdem ich in der elften Klasse beim geschätzten Herrn Böhme einen kurzen Ausschnitt gelesen habe, Thomas Manns ersten Nachkriegsroman „Doktor Faustus – Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde“ in die Finger zu bekommen, in einer Paperback-Ausgabe des S. Fischer-Verlags von 1960, in Israel erstanden, denn in der Innenseite klebt ein Sticker eines Buchhandels in Haifa.

Thomas Mann hat „Doktor Faustus“ 1947 vorgelegt. Die Gräuel des Holocaust und des zweiten Weltkriegs lagen noch nicht weit zurück. Den erzählerischen Rahmen bilden daher auch die letzten zwei Jahre des Krieges, in den der Erzähler seine Aufzeichnungen niederschreibt. Er führt sich ein als Dr. Serenus Zeitblom, ein Altphilologe und Gymnasiallehrer, der allerdings vom Schuldienst seit Beginn der Naziherrschaft suspendiert ist. Seine Musse wusste er lange Zeit aufzufüllen, indem er seinen Freund Adrian Leverkühn besuchte, der jedoch 1941 verstorben ist.

Nun wird auf den folgenden 550 Seiten das Leben eben dieses Adrian Leverkühn, welcher Zeit seines Lebens mit dem Erzähler befreundet war, dargestellt. Angefangen bei der Kindheit auf dem mitteldeutschen Land, über die Studentenzeit in Halle und Leipzig bis zu den Jahren im Süddeutschen. Mann lässt eine Menge Figuren auf- und wieder abtreten, sodass man, ähnlich wie bei den „Buddenbrooks“, manchmal zurückblättern muss, um sich zu vergewissern, wer dieser und jener denn sei. Erzählt wird vorwiegend aus homodiegetischer Perspektive, also aus der Zeitblohms. Das Besondere an der Erzählweise ist die starke Selbstreflexivität, die hier vorliegt. So wird immer wieder Bezug auf Kapitellängen („Da der vorige Abschnitt ohnedies über Gebühr angeschwollen ist, tue ich gut, einen neuen zu eröffnen[…]“, Kapitel IV) oder allzu ungeduldige Prolepsen („Solche Antizipationen ist ja der Leser bei mir schon gewohnt, und er möge sie nicht als schriftstellerische Zügellosigkeit und Wirrköpfigkeit deuten“, Kapitel XXIX) genommen. Auch die Konzeption des Textes mit Hilfe von Asterisken oder die Frage, warum ausgerechnet diese Ereignisse in einem Kapitel erzählt werden, wird reflektiert.

Diese Techniken ironisieren erstens das Schreiben an sich, zweitens instabilisieren sie die Zuverlässigkeit des Erzählens. So im Abschnitt, als Leverkühn sich zu vermählen wünscht und einen Freund davon unterrichtet: „Was sich nur zwei Tage nach dem geschilderten, mir denkwürdigen Ausflug zwischen Adrian und Schwerdtfeger sich abspielte, und wie es sich abspielte, – ich weiß es, und möge man zehnmal den Einwand erheben, ich könnte es nicht wissen, da ich nicht ‚dabeigewesen‘ sei.“ (Kapitel XLI) Und als dieser Freund bei der Angebeteten vorsprechen soll: „Zweifelt irgend jemand, daß ich, was zwischen Rudolf und Marie Godeau sich abspielte, in derselben Wörtlichkeit wiedergeben könnte wie das Gespräch in Pfeiffering? (s.o., CM) […] Ich denke nicht.“ (Kapitel XLII) Genau diese Formulierungen machen den Leser unsicher, ob die Schilderungen der Situationen tatsächlich zuverlässig sind. Mann versucht sich hiermit vom „konventionellen“ Erzählstil, der seine früheren Erzählungen prägt, zu lösen. Dies scheint nicht zuletzt aus dem Impuls hervorzugehen, ein neues intellektuelles Leben im Nachkriegsdeutschland zu etablieren. Nicht durch Zufall referiert der Titel des Romans ein altgedientes Motiv der deutschen Literatur und Kunst, um im Untertitel jegliche fremdsprachliche Ausdrücke zu vermeiden (besonders deutlich wird das bei der Wendung „Tonsetzer“, um das aus dem Lateinischen stammende „Komponist“ [componere – zusammensetzen] nicht zu verwenden).

Ein nicht unerheblicher Abschnitt wird zudem der Beschäftigung mit narratologischen Fragen gewidmet, dem Nachdenken über die verschiedenen Zeitebenen des Romans: „(Es gibt) die persönliche und die sachliche, die Zeit, in der der Erzähler sich fortbewegt, und die, in welcher das Erzählte sich abspielt. Es ist dies eine ganz eigentümliche Verschränkung der Zeitläufe, dazu bestimmt übrigens, sich noch mit einem dritten zu verbinden: nämlich der Zeit, die eines Tages der Leser sich zur geneigten Rezeption des Mitgeteilten nehmen wird […]“ (Kapitel XXVI)
All diese Selbstreflexivität, die über die Diskussion des Schreibens an sich hinausgeht und auf der Erzählebene Gespräche über Literatur, Musik und Kunst einschliesst, macht „Doktor Faustus“ zu einem höchst ästhetischen Roman, der scheinbar genau das in die Welt stellen will: einen Gegenentwurf zu dem Deutschland, wie es sich die letzten beinahe zwei Jahrzehnte der Welt präsentiert hat. Dies wird mit Bedauern aufgenommen: „[…] Deutschland ist […] so bis in den Grund zerstört, daß man nicht zu hoffen wagt, es möchte zu irgendwelcher kulturellen Aktivitäten zur Herstellung eines Buches auch nur, so bald wieder fähig sein[…]“ (Nachschrift) Damit ist natürlich nicht nur gemeint, dass die Städte in Trümmern liegen, sondern auch die Intellektualität, insofern, dass alle Gelehrten dem Land den Rücken gekehrt haben (wie Thomas Mann selbst).

Zu erwähnen ist noch ein nicht ganz unerheblicher Teil an musiktheoretischer Reflexion, der in solchem Umfang selten in der Literaturgeschichte geschah. Die teilweise hochtechnischen Ausführungen hat Thomas Mann im Dialog mit dem Komponisten Arnold Schönberg, einem österreichischen, der 1933 in die USA emigriert war, angeeignet und erwähnt diesen auch in einigen Sätzen nach dem Ende der Erzählung. Der zugehörige Briefwechsel zwischen Musiker und Literaten ist im Czernin Verlag greifbar.

Auch wenn Manns Erzähler sich nur oberflächlich mit dem Thema der Judenvernichtung beschäftigt und sich sonst auch gern Klischees über das jüdische Volk bedient (z.B. „Ärzte [pflegen] musikalisch zu sein […], schon weil so viele Juden darunter sind“ (Kapitel XLII, Hervorhebung der Autor), ist „Doktor Faustus“ ein empfehlenswertes Buch, um den Gemütszustand einer Generation Intellektueller nachzuvollziehen, die ihre Heimat der Verrohung ausgesetzt sahen.

Thomas Mann: Doktor Faustus. Fischer Taschenbuch. 12,95€
E. Randol Schoenberg (Hrsg.): Apropos Doktor Faustus: Briefwechsel Arnold Schönberg-Thomas Mann 1930-1951. Czernin Verlag. 27€

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