Schulausflüge

Einer der Vorteile, welche ich gegenüber meinen Freiwilligenkollegen, die nicht an einer Schule arbeiten, habe, ist, dass ich in unregelmässigen Abständen an Ausflügen mit einzelnen Klassen teilnehmen kann. Das dient erstens dazu, die Schüler auch ausserhalb des Klassenraums kennenzulernen und so möglicherweise den Eindruck zu revidieren, den man dort bekommen hat. Zweitens habe ich so die Möglichkeit, während meiner Arbeitszeit an Orte zu fahren, die ich sonst am Wochenende besuchen würde.

Der erste solche Trip führte mich vor ca. vier Wochen nach Akkon (dies ist der Name, welchen die Stadt während der Kreuzfahrerzeit hatte, andere gebräuchliche sind Akko, Akka, Acre), einer relativ kleinen Stadt nördlich von Haifa am Mittelmeer. Ich musste um 6.30 den Bus nach Rahat nehmen, weil mir gesagt wurde, der Bus mit den Schülern würde um 7.30 abfahren. Tatsächlich fuhr er aber erst nach acht, sodass ich noch mindestens eine halbe Stunde länger hätte schlafen können. Als ich mich neben eine Schülerin, die meine Ferien- und Nachmittagskurse besucht, setzte, wurde ich vom Lehrer gebeten, mich umzusetzen, mit dem Hinweis, dass der Islam das verbieten würde. So musste ich also im vorderen Teil des Busses sitzen, wo die Jungen sassen, während die Mädchen im hinteren Teil sassen. Die Schülerin, immerhin Tochter eines Scheichs, setzte sich jedoch bald über das Gebot hinweg und setzte sich wieder zu mir.

In Akko angekommen, gab es erst einmal einen Probealarm. Offensichtlich musste überprüft werden, ob die Sirenen noch ordnungsgemäss funktionieren. Dann mussten die Schüler für den Unterricht Fragebögen von der lokalen Bevölkerung ausfüllen lassen. Da diese auf arabisch waren, konnte ich mich nicht beteiligen. Stattdessen interessierte ich mich für die Überreste von Akkos interessanter Geschichte (es war lange Zeit unter Kontrolle von Kreuzfahrern und überstand 1799 einen Angriff von Napoleons sonst so erfolgreicher Armee): Die ehemalige Stadtmauer und Gebäude, Torbögen etc. (Bilder folgen)

Die Bevölkerung Akkos ist überwiegend arabisch, im Gegensatz zum Süden gibt es jedoch einen grossen Anteil Christen, was sich vor allem am Erscheinungsbild der Frauen bemerkbar machte. Nach der Mittagspause, besuchte ich noch die Al-Jazzar-Moschee. Diese wurde 1781 erbaut und ist seither eine der wichtigsten Moscheen nach den drei heiligen Städten Mekka, Medina und Jerusalem. Angeblich soll dort ein Barthaar des Propheten Muhammad verwahrt sein, welches auch einmal im Jahr, zu Ramadan, ausgestellt wird. (Hier kann man einen Rundumblick des Inneren der Moschee bestaunen.) Kaum war ich auf dem Gelände der Moschee, kam auch schon ein Touristenführer an, der ungefragt einen Vortrag hielt. Natürlich wollte er hinterher eine „Spende“, die „ausschliesslich der Moschee“ zugute kommen sollte, haben. Ich verweigerte sie mit Hinweis auf meinen Status als Freiwilliger.

Nachdem ich mich noch ein bisschen in der Stadt umgeschaut habe und auf dem Markt Haifische gesehen und frischen Nargilatabak (Apfelgeschmack) gekauft habe, fuhr der Bus auch schon zurück nach Rahat, wo wir kurz vor acht ankamen. Oben genannte Schülerin lief noch mit mir zur Haltestelle, wo dann auf einmal ihr Vater mit dem Auto vorfuhr und sie einsackte. Selbiges geschah noch einmal später, als wir nach dem Nachmittagsprogramm zu Haltestelle liefen. Könnte Zufall gewesen sein, ich vermute aber eher gezielte Bevormundung. Immerhin ist das Mädchen, obwohl es sonst sehr offen ist, immer mit langem Mantel und Kopftuch gekleidet und fragt immer, wenn man von Begegnungen mit Menschen erzählt, ob es sich um Juden handele. Beides halte ich für einen Einfluss des „religiösen“ Vaters und seinen Ansichten.

An einem weiteren Ausflug konnte ich vor drei Tagen teilnehmen. Diesmal ging es Richtung Galiläa, genauer gesagt den See Genezareth. Zuerst wanderten wir durch ein Wadi in der Nähe von Safed (einer der heiligen Städte des Judentums, wo eine grosse Tradition der Kabbalisten herrscht). Auf dem Weg dorthin erklärte ein später zugestiegener Guide, dass die ganze Gegend, in der wir unterwegs waren, vor 1948 (dem „Unabhängigkeitskrieg“) komplett von Arabern besiedelt war. Das ist nicht der Fall, bereits während der ersten und zweiten Aliya (jüdische Einwanderungswellen nach Palästina) wurden am See Genezareth Kibbutzim gegründet. Diese (bewusste oder unbewusste) Fehlinformationen fördern nicht unbedingt das friedliche und vorurteilsfreie Zusammenleben von Juden und Arabern. Natürlich stimmt es, dass diese Gegen hauptsächlich von arabischer Bevölkerung bewohnt war; dass es sich jedoch ausschliesslich um eine solche handelte und dass diese komplett vertrieben wurde, ist einfach sachlich falsch. Nach wie vor gibt es eine grosse arabische Bevölkerung in diesem Gebiet, die auch alle Bürgerrechte in Israel haben. (An dieser Stelle eine erneute Ankündigung eines Artikels, der sich mit den Narrativen des Nahostkonflikts beschäftigt.)

Auf der Wanderung durch das Wadi kamen wir an einem Haus vorbei, das offensichtlich die Erklärungen des Guides legitimieren sollte: Eine ehemalige britische Polizeistation, die mit Einschusslöchern übersät war. (Bild folgt)

Auf der Wanderung kamen wir an vielen anderen Wandergruppen vorbei, überwiegend hebräischsprachige. Das Gebiet ist ein Naturschutzgebiet, was unsere Schüler aber nicht besonders interessierte: sobald die Chipstüte oder Coladose leer war, wurde sie einfach fallen gelassen. Der Lehrer für Ökologie bat sie daraufhin, das zu unterlassen, aber nicht mit Hinweis auf die ökologischen Schäden, die eine Coladose oder Chipstüte hinterlässt, sondern mit dem Hinweis auf die 100 Shekel Strafe, die beim Bekanntwerden einer solchen Umweltsünde fällig werden.

Nach der Wanderung ging es nach Tiberias, wo wir ein Partyschiff bestiegen. Trotz des modernen Konzepts, ein Schiff zu besteigen und dort zu lauter Musik zu tanzen, wurde eine Geschlechtertrennung durchgeführt. Die ersten zwanzig Minuten durften die Mädchen auf dem Oberdeck Party machen, danach die Jungen. Auf eine Einhaltung wurde streng geachtet: Als ein Mädchen die Treppe herunterkam und einen Blick unter Deck riskierte, wurde sie (übrigens von dem selben Lehrer, der beim Trip nach Akko auf Geschlechtertrennung im Bus bestand) lautstark und nachdrücklich zurechtgewiesen. Unbeeindruckt dessen war die Fahrt sehr erkenntnisreich: Ausgerechnet die Jungen, die ich bis dato als Troublemaker und notorische Nein-Sager ausgemacht hatte, erwiesen sich als diejenigen, welche 1.) den traditionellen Beduinentanz konnten (siehehier) und 2.) die anderen (inklusive der Lehrer) animierten, mitzumachen.

Da es an unserer Schule keine Klassenfahrten gibt (ich nehme an aus ähnlichen Gründen wie die getrennten Dancefloors), gab es noch einen weiteren Punkt auf der Agenda: Einen Aufenthalt in Nazareth. Der verzögerte sich aufgrund der Unpünktlichkeit alles Beteiligten und dauerte nur eine Stunde, aufgrund der Maxime, um 10 wieder zurück in Rahat zu sein. Die Stunde reichte jedoch, um die Verkündigungskirche zu besuchen. Die offizielle Besuchszeit war bereits vorbei, da mich jedoch mit dem Aufseher gut verstand, durfte ich dennoch einen Blick hinein werfen. Der von aussen zu sehende Kirchbau ist erst 1969 fertiggestellt worden, überspannt jedoch vier ältere Gebäude, die alle über der „Grotte der Verkündigung“ gebaut wurden. Dort soll der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschienen sein und verkündet haben, dass sie den Sohn Gottes gebären würde. Auf einem schlichten Altar im Zentrum der Basilika liest man „Hic verbum caro faktum est“ (lat. Hier wurde das gute Wort gesprochen). Wenn man von dort aus nach oben schaut, erblickt man die Innenseite des kegelförmigen Daches, welches einen sternförmigen Grundriss aufweist und auch von innen wie ein Sternenhimmel verziert ist. Interessant für mich war, dass diese Kirche katholisch ist. Angesichts des Marienkultes der Katholiken ergibt es jedoch wieder Sinn.

Nach diesen Eindrücken ging die Fahrt zurück ins ca. 250km entfernte Rahat. Ich hoffte, wir würden vor zehn ankommen, weil ich glaubte, dass dann noch ein Bus zurück nach Beer Sheva führe. Dem war aber nicht so. Einer der Busse, der noch in eine Nachbarstadt musste, nahm mich bis zu einer Kreuzung an der Schnellstrasse mit, wo ich auch prompt einen Bus bekam. Alles Aufregung also umsonst.

Die bisherigen Ausflüge mit der Schule waren für mich in mehrfacher Hinsicht gewinnbringend: Erstens habe ich Orte gesehen, die ich sowieso besuchen wollte oder von deren Existenz ich gar nichts wusste (wie der Wadi bei Safed), zweitens hat sich das Bild einiger Schüler, welches ich mir aufgrund deren Verhalten im Klassenraum gemacht habe, grundlegend gewandelt. Dies hilft mir nicht zuletzt im Unterricht weiter.

Weiterverbreiten
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email