Nachlese: Wochenendseminar in Jerusalem

Letztes Wochenende war es soweit: Nach fast fünf Monaten im Land (auf hebräisch sagt man immer „ba‘aretz“ = im Land), also in Israel, fand das zweite Seminar statt. Wieder im Jerusalem, wieder im althergebrachten Beit Ben Yehuda, wo wir bereits die ersten Wochen verbracht haben. Das Seminarprogramm las sich vielversprechend; es standen Workshops mit Israelis, ein Besuch der Knesset und ein Treffen mit Angela Merkel auf dem Programm. Einige Eindrücke.

Für einige Freiwillige, unter Anderem mich, begann das Seminar bereits ein bisschen eher: Wir hatten uns zum Kochen für den ersten Abend gemeldet. Da es nun kurz vor Shabbes war, also Freitag Nachmittag, gestaltete sich der Einkauf auf dem Shuk in Jerusalem entsprechend nervenaufreibend. Wir waren insgesamt fünf Personen, konnten uns also zumindest aufteilen. Der Markt ist jedoch so kurz vom Shabbes überfüllt mit Menschen, die noch eben etwas einkaufen wollen, bevor die Bürgersteige hochgeklappt werden. Viel Gedrängel, viel Geschrei, nicht sehr entspannend das Ganze. Hinzu kam, dass wir sowohl für unsere Freiwilligengruppe (n=24), sowie die Israelis, welche den ersten Teil des Seminars mit bestritten, einkaufen und kochen mussten. Das resultierte dann in einer grossen Menge schwerer Tüten, die sich zu fünft mühselig transportieren liessen. Als wir nach einer halben Stunde endlich einen Bus, der direkt vor die Tür des Gästehauses fährt, erwischt haben, waren wir abgespannt.

Dann begann das eigentliche Seminar: Zunächst wurden wir mit dem Programm vertraut gemacht (didaktisch clever: ein transparenter Einstieg), bevor eine Kennenlernrunde mit den israelischen Teilnehmern anstand. Später am Abend sollten wir einige israelischen Volkstänze lernen. Bei diesen Programmpunkten gab es bereits einige Unstimmigkeiten: Zunächst hätte man, angesichts der Tatsache, dass die israelischen Teilnehmer nur einen Tag dabei sein würde, bereits an diesem Tag einige inhaltliche Diskussionen eröffnen können, statt sich nur auf lockeres Kennenlernen und ein bisschen Tanzen zu beschränken. Zum zweiten gab es wieder einmal einen engen Zeitplan, sodass wir, die Kochgruppe, nach der Kennenlernrunde angefangen haben zu kochen, weil die meisten nur etwas gefrühstückt und seither nichts mehr gegessen haben. Bevor jedoch alles fertig war, kam die Referentin, welche die Tänze eingeführt hat. Entgegen dem Wunsch der meisten Teilnehmer liess sie sich nicht überreden, den Beginn um 15 Minuten zu verzögern, sodass erstens alle hungrig getanzt haben und zweitens danach das Essen nur noch lauwarm war.

Am nächsten Tag standen, wie es sich wohl für deutsch-israelische Zusammentreffen gehört, die beiden grossen Themenblöcke Holocaust und Nahostkonflikt auf dem Programm. Angesichts dessen wiederhole ich meine Standpunkt, dass man bereits am Vorabend etwas inhaltliches erarbeiten hätte können, damit man nicht zwei derartige Hammerthemen an einem Tag durchpeitschen muss. Jedoch genauso ist es gekommen: Am Vormittag Holocaust, am Nachmittag Nahostkonflikt. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema in der Konstellation fand ich sehr wichtig und auch interessant. Jedoch waren die Diskussionen oftmals von den israelischen Teilnehmern dominiert und glichen sich in der methodischen Annäherung. Interessant dabei war zu sehen, dass tatsächlich junge Menschen gibt, die die radikale rechte Position vertreten: „Israel den Juden, Araber raus“. Das war mir in dieser Schärfe nicht bewusst.

Am nächsten Tag stand, wohl auch im Hinblick auf das vorangegangene Monsterprogramm, nur eine seichte organisatorische Besprechung des bevorstehenden 50-jährigen Jubiläums von ASF in Israel und eine Probe unseres Auftrittes, den wir am Nachmittag haben sollten. Dabei handelte es sich um eine kurze GEschichte, die wir mit Liedern illustriert haben. Der Anlass war eine Ehrung der ausländischen Freiwilligen, die das israelische Sozialministerium vorgenommen hat.

Diese Veranstaltung war mehr als eigenartig: Zunächst schien sie unverhältnismässig einseitig zu sein (wir ASF-Freiwilligen haben ca. 10 Minuten etwas vorgetragen, unsere Chefin hat ca. 10 Minuten gesprochen und es gab noch einen 5-minütigen Film über ASF) und zudem viel weniger formell als man das von einem Empfang eines Ministeriums erwartet hätte. Zwar kamen Diplomaten und Engagierte verschiedener Organisationen zu Wort, es wurde jedoch auch viel „Showprogramm“ geboten (so war eine Tänzergruppe von Menschen mit Beeinträchtigungen dreimal auf der Bühne, zwei singende Jugendliche ebenfalls dreimal). Die Reden der Diplomaten waren von platt bis peinlich (O-Ton einer Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Israel: „Ich hoffe, nein, ich bin sicher, dass die Arbeit mit den Holocaustüberlebenden bald beendet ist…“), die Showbeiträge ganz nett, aber wenig abwechslungsreich. Ausserdem schwebte über allem der Schleier der Redundanz: während der ganzen Veranstaltung stellte man sich die Frage, „wozu das Ganze eigentlich“. Einen Hinweis gab der Schlusspunkt: Es wurde, wo ca. 90% Ausländer anwesend waren, die Hatikva, die israelische Nationalhymne gesungen. In meinen Augen völlig unpassend: genausowenig, wie ich hier als „Botschafter Deutschlands“, als welche wir instrumentalisiert wurden, tätig bin, vertrete ich mit meinem Engagement bedingungslos den Staat Israel. Alles in Allem war die Veranstaltung überflüssig.

Am nächsten Tag stand ein Besuch in der Knesset, dem israelischen Parlament an. Das war für mich besonders interessant, da ich schon eine Woche zuvor vermeintlich eingeladen war, einen Blick hinein zu werfen, dann aber an der Sicherheitskontrolle abgewiesen wurde. Das Gebäude ist ein flacher Zweckbau. Im inneren gibt es eine Empfangshalle, die symbolträchtig von Marc Chagall gestaltet wurde. Der Plenarsaal hat keine Fenster. Das ist einmal mehr ein Beispiel für die Sicherheitsparanoia im Staate Israel: Das Parlamentsgebäude als Bunker. Die Sitze im Saal sind angeordnet wie ein siebenarmiger Leuchter. In der Mitte sitzen die Regierungsmitglieder, rechts die Koalitionsparteien, links die Opposition.
Nachdem wir das Gebäude von innen gesehen haben, hatten wir ein Treffen mit dem aussenpolitischen Berater der Knesset. Der hat viele Geschichten zum Besten gegeben und eine seiner Ansichten vor Allem über die europäisch-israelische Zusammenarbeit, aber auch mit vielen Namen von Gremien um sich geworfen, sodass sich das Gespräch zwar interessant gestaltete, mir aber nach wie vor nicht klar ist, was der aussenpolitische Berater eigentlich genau tut.

Am Nachmittag stand noch eine Auswertung an, bei der wir unseren Unmut über alle möglichen Themen zwar kundtun durften, aber wie immer mit Verweis darauf, dass es entweder nicht anders zu machen sei oder ausserhalb der finanziellen Möglichkeiten liege, abgespeist wurden.

Am Dienstag stand dann ein interessanter Punkt auf dem Programm: Wir hatten eine halbe Privataudienz mit Angela Merkel. Während ihrer zweitägigen Israelreise hat sie sich eine Stunde Zeit genommen, mit einigen Menschen von Aktion Sühnezeichen zu sprechen. Eine grosse Ehre für die Organisation. Das Gespräch an sich verlief nicht besonders spektakulär, da es sich auf einem Oberflächenlevel abspielte, mir also nichts Neues aufgegangen ist. Frau Merkel schien aber an unserer Arbeit interessiert zu sein (im Gegensatz zu dem mitgereisten Diplomaten-Tross) und lobte unser Engagement, nicht ohne uns wieder als Repräsentanten Deutschlands zu vereinnahmen, was gegen das Selbstverständnis der meisten von uns spricht. Jedoch war es eine schöne Erfahrung, die Kanzlerin in Greifweite zu sehen und sie vor exklusivem Kreis sprechen zu hören.

Alles in Allem war das Seminar weniger gelungen, als es hätte sein können. Den bilateralen Teil hätte ich mir intensiver und vor Allem über mehrere Tage gewünscht, während einige Programmpunkte, u.a. der Empfang der Freiwilligen, schlicht überflüssig waren.

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3 Antworten auf „Nachlese: Wochenendseminar in Jerusalem“


  1. 1 Rebecca 06. Februar 2011 um 20:03 Uhr

    Gut, dass ihr euch nicht vereinnahmen lasst von der „Botschafter-Philosophie“, deutschem Sendungsbewusstsein, etc. Irgendwie scheint das dieses Jahr mehr zu werden bei den Bewerber_innen, und mir grauts immer dabei….

    Aber hey, beschwer dich nicht über den Ministeriumstermin – den Preis habt ihr immerhin auch für mich (und alle anderen 2000 Freiwilligen, die es vor euch gab) entgegengenommen
    ;) ;) ;)

  2. 2 Dr. Ursula Schmolls 07. Februar 2011 um 10:50 Uhr

    Hallo, lieber Cons,
    offenbar war das Seminar fürdich in mehrfacher Hinsicht nicht umsonst – vielleicht sogar interessant.
    Ich frage mich immer wieder, ob die Israelis noch immer nicht verstanden haben, dass das Land sowohl den Palästinensern als auch den Israelis zugesprochen worden ist.
    Ich wünschte mir sehr, dass endlich Frieden einzieht. Dies hat ja wohl die Kanzlerin bei ihrem Besuch auch deutlich gemacht.
    Ich wünsche dir, trotz aller Probleme weiterhin alles Gute.
    Verliere nicht den Mut! Die Erfahrungen, die du in diesem Jahr sammeln konntest und noch immer sammeln kannst, werden dir im Leben viel helfen.

    Herzlichen Glückwunsch für die Auszeichnung – was immer diese auch bedeuten mag.

    Herzkliche Grüße

    Deine Oma Uschi

  3. 3 Morten 19. Februar 2011 um 9:01 Uhr

    Hallo,

    ich finde es immer sehr interessant, Dein Blog zu lesen. Ich bin zwar oftmals nicht Deiner Meinung, aber das macht es umso interessanter.
    Ich muss allerdings sagen, dass man als deutscher Freiwilliger immer ein Repräsentant Deutschlands ist – ob man nun will oder nicht. Und ich meine hier nicht Repräsentant im Sinne von Diplomat mit Anzug und Krawatte. Vielmehr, und das erlebst Du ja sicherlich oft, wirst Du nunmal zuerst als Deutscher wahrgenommen von Israelis. Natürlich wäre es nun wünschenswert, dass Du zuerst als Du selber wahrgenommen wirst und nicht als Vertreter von 82 Millionen. Aber so sieht die Realität nunmal nicht aus. Wenn Du in Israel Mist baust, heißt es „der Deutsche wars“ und wenn Du als Freiwilliger ein Jahr etwas gutes tust, war das auch der Deutsche. Und im Falle von ASF eben viele tausend Deutsche über viele Jahrzehnte.
    Das heißt ja wieder nicht, dass Du damit ein Repräsentant der offiziellen Politiken der BRD bist, aber Deutscher ist und bleibt man als ASFler.

    Das nur mein kurzer Beitrag, da mich das Thema auch lange beschäftigt hat. Ich treibe mich gerade in Vietnam herum, wo ich erstmal ein weißer Westler bin und auffalle, wo ich geh und steh. Das ist auch mal eine neue Erfahrung, an die ich mich gewöhnen muss.

    Viele Grüße und weiterhin eine super Zeit!

    Morten

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