Hammelkeule zum Frühstück

Heute war das islamische Opferfest, und ich war bei Chamiz, dem Direktor unserer Schule, eingeladen, um diesen feierlichen Anlass zu begehen. Da das Fest sehr früh morgens beginnt, habe ich sogar die Nacht in Rahat zugebracht. Nachdem mein Bus – dieselbe Linie, die mich jeden morgen zur Schule bringt – einen Reifenplatzer hatte und ich nach einigen Minuten Warten sowie Kommunikation mit Händen und Füssen endlich in Rahat angekommen war, gab es dann auch gleich etwas zu essen. Aufgetragen wurden كفتة (kufta, auch bekannt als Köfte), Salat, Hommus und Pitabrot. Gegessen wird bei Beduinen nur selten mit Besteck. Nur der Salat wurde von der sechsköpfigen Familie (was eine Kleinfamilie ist, in beduinischen Massstäben gemessen) mit der Gabel verzehrt. Die kufta wurde gegessen, indem man sich ein Stück vom Pitabrot abreisst, und dann versucht, mit der Hand etwas vom Fleisch zu greifen. Wer weiss, dass Köfte aus Hackfleisch gemacht wird, kann sich vorstellen, dass die Hände dabei nicht sauber bleiben.

Am Abend wurde mir der Hammel gezeigt, welcher am nächsten Tag geopfert werden sollte. Der Anlass des islamischen Opferfests ist, dass Ibrahim laut dem Koran seinen Sohn Ismael opfern sollte. Als dieser sich tatsächlich daran machte, den Befehl Gottes auszuführen, überlegte dieser es sich anders und schickte stattdessen einen Widder, der dann verspeist wurde. Seither fühlen sich die Muslime verpflichtet, am 10. des Monats ذو لهيددشا (dhu l-hiddsha) ein Schaf zu schlachten und es mit Familie und Bedürftigen zu teilen. Mir wurde die Farm der Familie gezeigt, welche mitten in der Wüste liegt, von einem echten Beduinen bewacht wird (der Typ wohnt in einem Zelt neben der Anlage), Mandelbäume beherbergt und paradiesisch ruhig liegt. Später sass ich noch mit meinem Chef erster Instanz hinter seinem Haus (das übrigens nur halbfertig ist – in Deutschland würde jeder von Pfusch reden, in der beduinischen Gesellschaft leben viele in solchen halbfertigen Häusern) und trank beduinischen Tee, Kaffee und rauchte amerikanische Zigaretten.

Die Nacht war nicht gerade sehr lang: Ich ging ca. 23 Uhr ins Bett und las noch eine Weile. Als ich aufwachte, hörte ich den Muezzin rufen: „allahu akbar“ – Allah ist gross. Die Frechheit an der ganzen Sache war die Uhrzeit, die belief sich nämlich auf 4.38h. Zu allem Überfluss hörte das Minarett dann auch nicht mehr auf zu plärren, sodass ich notgedrungen meinen Traum modifizieren musste, um die Rufe in denselben einzubauen. (Ich war in der Bibliothek der Uni in Tel Aviv, welche auch einen Gourmetrestaurantflügel hatte und inmitten welcher das Minarett stand und unaufhörlich wiederholte, dass Gott gross sei. Eine Studentin fragte, ob sie sich beschweren könnte, da sie mit ihrem Lernstoff aufgrund des Lärms nicht vorwärts kam.) Ich schälte mich dann um 6.23h aus dem Bett und ging in das Badezimmer, was im deutschen Fernsehen bei „Mein schlimmster Urlaub“ (oder so ähnlich) sicherlich einen Platz gefunden hätte. Als ich mich fertig gemacht hatte, trat ich hinaus in den Nebel.

Chamiz und seine Familie waren in der Moschee, um zu beten. Ich konnte nicht dabei sein (weil es zu früh am Morgen war, die sind um 6 hingegangen), wollte nicht dabei sein (weil ich kein Muslim bin) und durfte nicht dabei sein (weil ich kein Muslim bin). Nachdem man das Gebet beendet hat, darf man (laut wem?) beginnen, das Schaf zu schlachten. Tatsächlich wird es nicht geschlachtet, sondern geschächtet (macht die Sache nicht besser). Ich habe den ganzen brutalen Kram fotografiert und gefilmt, werde das aber an dieser Stelle nicht zeigen. Zwei unappetitliche Details: nachdem der Hammel schon eine halbe Minute mit offener Kehle im Staub lag, begann er, herumzuzappeln wie besessen. Das dauerte noch einmal eine halbe Minute. Nachdem das treue Tier sein Leben ausgehaucht hatte, wurde ihm der Kopf abgeschnitten. Da zuvor Chamiz‘ Bruder Feras ein Schaf für sich und seine Familie geschlachtet hatte, lagen dann zwei Schafsköpfe in einer riesigen Blutlache.

Dann war Frühstückszeit (ca. 10 Uhr). Nachdem ein völlig neuer Rost mit Schafsinnereinen eingefettet worden war und Zwiebeln ins Feuer und Tomaten sowie grüne Chilischoten auf den Rost gelegt worden waren (um sie Tomaten später zu häuten und mit den Chilischoten zu einem köstlichen Dip zu stampfen), wurde das Hauchdünne Brot aufgetragen und ich ass Niere und Steak zum Frühstück. Das hätte ich mir auch niemals träumen lassen.

Nach dem Essen ist es üblich, dass man die Familie besucht. Ich war zuerst im ديوان (diwan) der Familie eines Psychologen, der in Marburg studiert hat und deshalb sehr gut deutsch spricht. Dieser bestand aus einer überdachten Terrasse, einer Menge Kissen sowie Tee und Kaffee. Es dürfen nur Männer diesen Bereich betreten. Jedes mal, wenn jemand eintrat, mussten alle aufstehen und nacheinander dem Neuankömmling die Hand schütteln (und dabei kull sane w-inte salame sagen [ein ganzes Jahr und Frieden, wörtlich, ist eine Floskel, die man zu jeder Gelegenheit, wie Geburtstage etc. sagt]). Danach wird sich wieder gesetzt. Ich musste lernen, dass man seine Schuhe nicht vor sich auf den Boden stellt, sondern hinter sich. Weiterhin habe ich (Riads Aussage folgend) „richtigen“ arabischen Kaffee getrunken, der stundenlang gekocht wurde und nur in winzigen Schlucken serviert wird.

Dann ging die Runde mit Chamiz los: Jede Menge Hände geschüttelt, viel angeboten bekommen, kein Wort der Gespräche verstanden. Manche Frauen haben mir die Hand geschüttelt, die meisten nicht. Eine alte Frau hat auch ihren Verwandten nur die Hand geschüttelt, nachdem sie sich einen Zipfel ihres Kopftuches um die Hand gewickelt hatte.

Ich verstehe zwar weder den Islam noch die beduinische Gesellschaft, kann weder die Sprache noch kenne die Sitten, aber dennoch habe ich mich in den letzen 24 Stunden sehr willkommen und wohl gefühlt.

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2 Antworten auf „Hammelkeule zum Frühstück“


  1. 1 Dr. Ursula Schmolls 21. November 2010 um 16:58 Uhr

    Hallo, Cons,
    die Geschichte mitden geschächteten Hammeln und den muslimischen Sitten und Gebräuchen ist recht interessant.
    Ich würde nach einer solchen Zeremonie mit Sicherheit zum absoluten Vegetarier.
    Ich freue mich sehr, dass man dich dort gut aufnimmt. Das ist bestimmt sehr wichtig.
    Du lernst auch immer wieder, wie gut es uns doch geht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass den Beduinen auch nicht unbedingt etwas fehlt. Sie kennen es nicht ander.

    Herzliche Grüße

    Oma Uschi

  2. 2 Karin Mauf-Schenke 26. November 2010 um 18:02 Uhr

    Hallo Consti
    Wir finden deine kommentare sehr Interessant,
    warten schon auf den nächsten.
    Liebe Grüße
    Oma Karin und Klaus
    Verfasser:Alex

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