Generalstreik

Aufgrund einer von israelischen Bulldozern zerstörten Moschee bin ich heute umsonst in die Schule gekommen. In ganz Rahat wurde ein Generalstreik ausgerufen, nachdem die Abrisstruppen (die rund 5000 Soldaten, Polizisten und Sanitäter umfassten) abgezogen waren. Statt Unterricht zu erteilen und Methoden zur Verbesserung desjenigen zu erarbeiten, sass ich im Lehrerzimmer herum und habe Klausuren korrigiert. (Die sind übrigens weitgehend zufriedenstellend ausgefallen.) Dazu habe ich mir Gedanken über die Umstände und Vorgehensweise gemacht.

Fakt ist: Israel hat die Beduinen des Negev seit seiner Gründung nicht gerade freundlich behandelt. Nachdem mehr als 80% der im Negev lebenden Beduinen nach dem „Unabhängigkeitskrieg“ (in einem anderen Artikel mehr zu den Narrativen des Nahostkonflikts) geflohen waren, wurden die verbliebenen Familien in das Siyag-Dreieck geschickt, um sich dort anzusiedeln. Währenddessen fanden immer wieder Vertreibungen statt. Viele der Flüchtlinge kehrten nichtsdestotrotz immer wieder in den Negev zurück. Die Beduinenpolitik derzeit war

  • bezüglich des Landes auf ottomanische Rechtsprechung gestützt; das bedeutet, es wurden BEsitzurkunden aus den 1860ern, in denen Beduinen weder lesen noch schreiben konnten, ausschliesslich nomadisch gelebt haben und kein Interesse hatten, den Besetzern Steuern zu zahlen, zur Grundlage für den Umgang mit Landbesitz gemacht
  • geprägt von einem Araberhass, der sich aus der Geschichte herleiten lässt, durch sie jedoch nicht legitimiert ist und dennoch bis heute anhält
  • rücksichtslos in jederlei Hinsicht.
  • Nachdem nun die wenigen Halbnomaden, die im Negev geblieben waren, auf ein Prozent der Fläche zusammengepfercht waren, begann Israel Städte zu bauen. Diese hatten zwar die Absicht, die Beduinen zu urbanisieren und so die Anpassung in einen modernen Staat zu erleichtern, jedoch wurde auf die Errichtung von Infrastruktur ebenso wenig Wert gelegt wie auf die Traditionalität der beduinischen Gesellschaft. Das bedeutete zum Ersten, dass viele der nun sesshaften Beduinen keine Erwerbsmöglichkeit hatten, zum Zweiten, dass zum Teil seit Dekaden verfeindete Clans plötzlich Nachbarn waren. Dementsprechend entwickelte sich mit Rahat eine Stadt, welche die höchste Arbeitslosenquote Israels hat und dadurch, sowie durch gewalttätige Familienfehden, Drogenmissbrauch und falsch verstandener Religiosität (Stichwort Burka) ein problematischer Hexenkessel ist.

    In der Nacht zum 7. November wurde nun eine Moschee zerstört, die laut israelischer Regierung vom radikalen Flügel der islamischen Bewegung in Israel erbaut wurde. Hier möchte ich jetzt nicht näher auf die Ziele und das Wohl/Übel der Bewegung eingehen, sondern auf den Umstand der Zerstörung der Moschee.

    Israel hat Rahat erbaut und nach einer Übergangsphase unter jüdischer Administration einer beduinischen Munizipalität übergeben. Warum also wird sich dann in städtische Angelegenheiten (was Baugenehmigungen zumindest nach meinem Verständnis sind) eingemischt? Wenn man mit der Demolierung des Gotteshauses ein Zeichen gegen die islamische Bewegung gesetzt werden sollte, dann ist das zweifellos gelungen. Dummerweise hat man damit auch erreicht, dass gemässigte Bewegungen und auch eher israelfreundliche Muslime sich mit den Hardlinern zusammentun. Man hat damit also die gesamte Bevölkerung Rahats gegen sich aufgebracht, nicht nur einzelne Familien, wie das der Fall ist, wenn unrecognized villages platt gewalzt werden. Aufgrund des grossen Gewaltpotenzials in der Stadt ist das vielleicht nicht die schlaueste Strategie.

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    1 Antwort auf „Generalstreik“


    1. 1 Mama 08. November 2010 um 1:05 Uhr

      Na wenn das nicht Anlass zur Sorge ist?

      Du bist eingetaucht in eine andere Welt. Von der ich nur wenig weiß.
      Aber Politik ist in jeder Welt gleich ungerecht. Sie unterstützt die Mächtigen und benachteiligt die Schwachen. Seit altersher. Eine Alternative wurde noch nicht gefunden, da immer Menschen die handeldenen Personen sind.
      Da fällt mir immer der Spruch ein: Gib dem Menschen Macht und er mißbraucht sie.
      Und das wird man nicht durch Wut und Gewalt verhindern oder ändern, sondern nur durch Klugheit. Und die kommt durch Bildung. Und das ist dein Auftrag dort. So schließt sich der Kreis. Zumindest sehe ich das so.
      Ich bewundere deinen Mut und wünsche dir Kraft für deine Arbeit.
      In Gedanken bin ich oft bei dir. Hdl Mama

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