Alltag in Israel

Hier kommen jetzt, nach vielen spezifischen Geschichten und Beobachtungen, einige allgemeine Informationen, was das Leben in Israel von dem in Deutschland unterscheidet. Dabei handelt es sich vor Allem um ziemlich profane Dinge, jedoch auch einige, welche in Deutschland schon Ausnahmezustand verursacht hätten.

Anfangen möchte ich mit der Verkehrssituation. Vieles ist in Israel ähnlich wie in Deutschland. Es fällt jedoch auf, dass nahezu an jeder Strassenecke ein Zebrastreifen für die Fussgänger zu finden ist. Viele Autofahrer scheren sich aber nicht so darum, sodass man doch immer ein wenig aufpassen muss, bevor man die Fahrbahn überquert. Auch die Ampeln sind ein wenig anders: So gibt es oft an sehr grossen Kreuzungen keine Rechtsabbiegerspur, sondern nur eine Abzweigung. Links abbiegende Ampeln werden nur bei „grün“ als solche erkannt, denn nur dann zeigen sie einen grünen Pfeil. Das Interessanteste war für mich, dass die Ampeln, bevor sie auf gelb und dann rot wechseln, das grüne Licht für einen Moment blinken lassen. Daher hat das gelbe Verkehrslicht eigentlich überhaupt keine Bedeutung mehr.

Der Busverkehr ist Jerusalem auch sehr witzig: Es gibt nämlich zwei verschiedene Busunternehmen, auf der einen Seite Egged, die der „jüdische“ Verkehrsbetrieb sind, zum Anderen arabische Busse. Die beiden Konkurrenten unterscheiden sich in mehreren Dingen. So fahren die arabischen Busse bis kurz vor das Jaffa-Tor, welches der Eingang zur Altstadt ist, während Egged nur bis zur King-David-Strasse fährt, von wo aus man noch ein Stück laufen muss, um am Jaffa-Tor zu sein. Die arabischen Busse sind zudem oft ein besonderes Erlebnis. Meist sind es nur Kleinbusse, in die 20 Leute passen. Da kommt es auch schon mal vor, dass man als Freiwilligengruppe keine Beförderung erhält. Ausserdem fahren die Busse zwar in die Haltstellenanlagen ein, jedoch muss man signalisieren, dass man mitfahren möchte, sonst fahren sie weiter. Auch sind die Routen nicht so ganz fix. Einmal bin ich in einen Bus eingestiegen, der zum Jaffa-Tor fahren sollte. Da er jedoch an einer Ampel nicht mehr rechtzeitig auf die Geradeaus-Spur wechseln konnte, fuhr er dann ebenfalls zur King-David-Street und liess mich zusammen mit einem Mitfreiwilligen während einer Rotphase mitten auf der Strasse aussteigen.

Egged unterhält auch den Überlandverkehr, der hier sehr ausgeprägt ist. Es gibt nur wenige Zugverbindungen, weshalb es in vielen Städten richtige Busbahnhöfe gibt. In Jerusalem erkennt man von Aussen gar nicht, dass hier Busse verkehren.

Mit Zügen scheint man in Israel sowieso auf Kriegsfuss zu stehen: In Jerusalem wird seit zehn (sic!) Jahren an einer Strassenbahn gebaut. Die Fertigstellung wurde immer wieder verschoben, wird jetzt für April 2011 angekündigt. Viele Leute glauben aber nicht daran, dass die Tram dann wirklich fahren wird.

Was das Leben hier auch sehr stark bestimmt, ist der Sicherheitsaspekt. Israel sieht sich von seinen arabischen Nachbarstaaten bedroht, sodass sich überall Bewaffnete befinden: Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte. Es sitzt auch vor jedem Supermarkt ein Sicherheitsmann, der die Hereinkommenden kritisch beäugt und gegebenenfalls auch die Rucksäcke kontrolliert. In grössere öffentliche Gebäude, wie zum Beispiel der Central Bus Station oder Shopping Malls, kann man auch nicht eintreten, ohne seine Sachen abzulegen und durch einen Metalldetektor zu gehen.

Der Sicherheitswahn trägt auch manchmal skurrile Früchte. So haben wir hier zum Beispiel schon öfter erlebt, dass Strassen gesperrt wurden, damit ein seltsam aussehendes Fahrzeug ohne Fahrer die Strasse abfahren kann. Diese Geräte sehen sehr witzig aus, jedoch steckt dahinter ein nicht so witziger Verwendungszweck: Es sind Bombensuchgeräte. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob diese Fahrzeuge einfach ständig durch Jerusalems Strassen fahren oder ob sie nur auf begründeten Verdacht hin eingesetzt werden. Jedenfalls war eines dieser Geräte auch vor unserem Gästehaus im Einsatz, um 14 Uhr. In Deutschland hätte man das ganze Viertel für so eine Sache evakuiert.

Eine weitere seltsame Frucht, die das Streben nach Sicherheit trägt, ist, dass Polizeifahrzeuge immer mit Blaulicht fahren. Auch wenn sie nur eine Falafelbude anfahren.

Ein bestürzender Teil des Alltagslebens in Israel ist der Umgang mit Palästinensern. Wir waren heute in Ostjerusalem. Dort wohnen teilweise jüdische Siedler, teilweise palästinensische Einwohner. Diese haben jedoch keine Staatsbürgerrechte. Die meisten haben keinen israelischen Pass, lediglich einen resident-Status. Das bestürzende an der Sache ist, dass beide, Juden und Araber, Steuern bezahlen. Trotzdem haben palästinensische Stadtteile teilweise keine Kanalisation, generell haben sie keine Fusswege, Parkanlagen, befestigte Strassen oder Bänke. Auch wird es den Palästinenser verboten, ihre Häuser zu erweitern. Dieses wird aber oftmals notwendig, da die Geburtenrate ziemlich hoch ist. Wenn eine Familie nun keine Genehmigung erhält, ihr Haus aufzustocken, machen sie es oft dennoch. Das kann jedoch dazu führen, dass eines Morgens ein Kommando vor der Tür steht, die Bewohner bestenfalls verjagt und die Hütte dann einfach planiert. Wir sind mit einem Bus durch Teile Ostjerusalems gefahren, und es war echt erschreckend zu sehen, wie die Bewohner wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Die Schulbildung ist schlecht, die Lebensumstände auch, und dann ist da noch die Mauer, welche Ostjerusalemer von Palästinensern in der West Bank trennt.

Die Mauer auf der Strasse, die eigentlich nach Jericho führen sollte

Alles in Allem ist das Leben in Israel sehr stark geprägt vom Nahostkonflikt, auch wenn sich das nicht so dramatisch äussert, wie man das glaubt, wenn man in Deutschland die Nachrichten hört.

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2 Antworten auf „Alltag in Israel“


  1. 1 Dr. Ursula Schmolls 03. Oktober 2010 um 10:46 Uhr

    Hallo, lieber Coons
    Dein Bericht war faszinierend und auch traurig.
    Ich kann bis heute nicht verstehen, warum die Israelis, die Palästinenser so schlecht behandeln, obwohl sie eigentlich 1945 von den Amerikanern nur das Recht eingeräumt bekamen, sich das Land Palästina friedlich zu teilen.
    Vielleicht findest du eine Antwort darauf.
    Du bist offensichtlich immer noch in Jerusalem. Wann geht es nun weiter und wie wirst du dort wohnen.
    Pass schön auf dich auf. Schließlich wollen wir dich im nächsten Jahr gesund wiedersehen.

    Herzliche Grüße

    Oma Uschi

  2. 2 Christiane 13. Oktober 2010 um 9:57 Uhr

    oh, ich wäre glaub ich vor Angst gestorben, wenn jemand vor meinem Haus eine Bombe sucht. Wie sich dein Bericht anhört, ist das Leben dort als Neuankömmlich zuerst sehr unangenehm, ich würde mich sicherlich nicht so wohl fühlen. Auch ist der Umgang mit den Palästinensern sehr bedrückend und ich habe es nur gelesen und nicht gesehen. Aber der Mensch kann sich ja bekanntlich an alles gewöhnen, das hoffe ich für dich. Ich wünsche dir ein schönes Jahr, ein spannendes wirst du sicherlich haben :)

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