Vom Regen in die Traufe

Hostweekend – das bedeutet, dass alle Freiwilligen sich für einen Tag im Sukkot in Gastfamilien begeben, um aus dem – wie es ein Mitfreiwilliger formuliert hat – Kartoffelbrei in das israelische Leben einzusteigen. Bisher bestanden unsere Tage vorwiegend aus irgendwelchen Programmpunkten, von Ulpan (Hebräischkurs) über Zeitzeugengespräche bis hin zu Ausflügen in die von mir so heiss geliebte Erlöserkirche, deren Klientel mich sehr an die Leute in Freien Gemeinden erinnert – Stichwort Jerusalemsyndrom. Damit war nun Schluss! Endlich konnte man mal etwas isrealisches Leben schnuppern, und das beschränkt sich wahrhaftig nicht darauf, abends an der Promenade zu chillen und die Aussicht auf das nächtliche Jerusalem zu geniessen.

Los ging es für die meisten von uns – bis auf diejenigen, deren Gastgeber in Jerusalem wohnen – an der Central Bus Station in Jerusalem. Der Überlandtransport ist in Israel subventioniert, sodass die Tickets in die verschiedenen Städte nicht die Welt kosten. Mein return ticket nach Beer Sheva (wörtlich: Sieben Brunnen) kostete 53,60 Shequalim. Das macht bei einem Kurs von ca. 1 zu 5 nicht mal elf Euro. Vergleichbar ist das mit dem Kielius, fuer den man als Student von Kiel zum Hamburger Airport und zurück nur 12 Euro zahlen muss. Aber hier sind die Preise so guenstig. So machte ich mich also mit dem Bus auf in den Negev. Als ich aus dem Bus ausstieg,war ich erst einmal überrascht: So heiss wie erwartet war es gar nicht in der Wüste. Die Stadt Beer Sheva, und da passt auch der Vergleich des Bustransfers, ist, so wie auch mein letzter Aufenthaltsort Kiel, nicht gerade ein Schmuckstück, vor allem, wenn man aus Jerusalem kommt. Breite Strassen, hässliche Häuser. Aber der Teufel liegt ja im Detail, so auch die Vorzüge einer Stadt. In Kiel hatte ich immerhin drei super Jahre, auch wenn ich mich nie mit der 50er-Jahre-Gleichmacher-Architektur anfreunden konnte.

Abgeholt hat mich mein Mentor Gunnar. ASF hat das Mentorenprogramm ins Leben gerufen, um sozusagen eine Art familiäre Situation im fremden Land zu schaffen. Gunnar war selbst ASF-Freiwilliger in Israel (ist aber schon eine Weile her), arbeitet als Dozent an der Ben-Gurion-Universitaet des Negev und lebt mit seiner Familie in Beer Sheva. Am Abend meiner Ankunft sind wir in ein kinderfreundliches Restaurant gegangen und haben danach noch mit einer deutschen Sozialarbeiterin im Garten gegessen. Dabei ist mir schon so einiges zu Ohren gekommen. Zuerst einmal möchte ich hier alle Vorurteile entkräften: Beduinen sind nicht solche Menschen, die mit ihren Kamelen in der Wüste abgammeln. So wie auch bei den Juden, gibt es dort die verschiedensten Richtungen, von sehr fortschrittlichen Clans, die ihre Töchter studieren lassen, bis zu traditionellen Sippen, bei denen Cousin und Cousine heiraten. Als muslimische Minderheit sind sie in Beer Sheva aber nicht so unterdrückt wie die Bewohner der Westbank oder Ostjerusalem. Sie sind israelische Staatsbürger und verhalten sich friedlich. In Beer Sheva ist das Klima zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen nicht so feindlich wie anderswo. Hier leben russische Einwanderer, Georgier, Äthiopier, Beduinen und Juden ziemlich friedlich zusammen. Anschläge gibt es hier auch nicht oft. Das liegt daran, dass die Beduinen Siedlungen vor den Toren der Stadt haben. Weil sie am friedlichen Miteinander interessiert sind, kommt kein Attentäter bis in die Stadt. Das spricht aber auch dafür, dass Beduinen keine harmlosen Kamelflüsterer sind.

Am Shabbat haben wir einen Abstecher nach Rahat gemacht, der Beduinensiedlung, in der ich dann arbeiten werde. Dort gibt es nahezu keine Arbeitsplätze, bis auf ein paar Dienstleistungsgeschäfte. Dementsprechend ist die Bevölkerung nicht gerade wohlhabend. Die beduinischen Bewohner des Negev sollten vertrieben werden, was aber misslang. Aus nicht erfindlichen Gründen hat die israelische Regierung dann sogar Siedlungen für Beduinen angelegt. Es gibt insgesamt fünf solcher Beduinenstädte, Rahat ist eine davon. Im Umkreis dieser Agglomerationen gibt es aber auch immer wieder „illegale“ Siedlungen, die einfach angelegt wurden, weil die Beduinen keine Lust auf das Leben in den Staatssiedlungen hatten. Immerhin hat man dort einfach alle beduinischen Stämme verfrachtet (mein Host verglich das mit indian reservoirs in Amerika), ohne auf deren Befindlichkeiten zu achten. So waren verfeindete Clans plötzlich Nachbarn, hatten kein Vieh und kein Land mehr. Entgegen der landläufigen Meinung haben die Beduinen schon immer versucht, ihren Lebensunterhalt mit allem Möglichen zu machen – unter anderem Landwirtschaft. Daher gibt es nun solche Siedlungen, die nicht vom Staat angelegt wurden und deshalb nicht anerkannt werden.

Alles in Allem bin ich sehr gespannt auf meine Zeit hier; in den paar Stunden, die ich bisher im Negev verbracht habe, ist mir bereits klar geworden, dass man keine europäischen Massstäbe für das Leben hier anlegen kann. Meine noch nicht geklärte Wohnsituation und die oben geschilderten Umstände lassen ein Abenteuer erhoffen.

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3 Antworten auf „Vom Regen in die Traufe“


  1. 1 Christiane 25. September 2010 um 18:06 Uhr

    ohhhh, wie spannend. das kann ich mir bildlich vorstellen. da lernt du ja unseren wohlstand schätzen, oder auch nicht ;)
    da wirst du sicherlich sehr viele erfahrungen machen, ich bin neidisch…

  2. 2 Dr. Ursula Schmolls 26. September 2010 um 11:53 Uhr

    Hallo, Cons,
    deine Erlebnisse sind ja sehr intererssant.
    Ich denke, es kommt noch viel auf dich zu. Wichtig ist, dass die Menschen euch gegenüber freundlich sind.
    Was ist nun mit deinem „Papi“?
    Bis demnächst
    Oma Uschi

  1. 1 Umbrüche « Als Lehrer in der Wüste Pingback am 23. Oktober 2010 um 23:09 Uhr
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