Freud und Leid

Zuerst die Entwarnung: Hier ist alles in Ordnung. Die Unruhen in Ostjerusalem haben wir zwar mitbekommen, dennoch bestand niemals eine direkte Gefahr für uns. Am 22. September haben wir eine Tour durch die Altstadt gemacht. In diesem Areal von ungefähr einem Qudratkilometer befinden sich die wichtigsten Heiligtümer von Christen, Juden und Muslimen. Auf dem Weg zur Klagemauer (das ist die Westmauer des zerstörten heiligen Tempels der Juden) haben wir auf einer Plattform einen Stopp eingelegt, an von dem aus die Al-Aqsa-Moschee zu sehen war. Dahinter stieg schwarzer Rauch auf. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nichts von den Vorfällen in Ostjerusalem.

Am gestrigen Mittag begann der Sukkot, das jüdische Laubhüttenfest. An jüdischen Feiertagen wird in Jerusalem generell die Präsenz von Polizei und Militär erhöht, da man fürchtet, dass an solchen Tagen, an denen sich viele Menschen an den Heiligtümern versammeln, Anschläge verübt werden. Als jedoch vom Sicherheitstor an der Klagemauer eine Einheit Polizisten mit Schutzschild und Vollmontur losgerannt sind, wurde uns bewusst, dass es sich bei dem schwarzen Rauch nicht um brennenden Müll handeln kann.

Aus gegebenem Anlass eine Erklärung zu dem Headbild, auf dem die Waffen zu sehen sind. Dieses Bild habe ich in Yad Vashem gemacht. Dort war eine grosse Gruppe Soldaten (ich nehme an, dass es frisch Vereidigte waren, da am Vorabend unseres Besuchs in Yad Vashem vor einer Kongresshalle eine sehr grosse Gruppe Soldaten versammelt waren), die sich dort die Beine in den Bauch standen. Das tun die Soldaten und Polizisten hier ziemlich oft. Der Unterschied war in diesem Fall jedoch, dass sie ihre M4 nicht bei sich getragen haben (was sonst immer der Fall ist, auch wenn ein Soldat nach Feierabend noch auf dem Shuk [Markt] einkaufen geht), sondern sie eben auf den Boden gelegt haben. Dementsprechend fühlt man sich hier überall sehr sicher, weil die Exekutive hier immer und überall sichtbar ist.

Die Altstadttour dauerte über drei Stunden. Unser Guide ist immer vorweg gerannt, dann stehen geblieben, um etwas zu erklären. Diese Erklärungen endeten dann meist mit „also gehen wir weiter“, woraufhin er wieder losrannte. Da wir generell knapp bemessene Freizeit haben, war meine Aufmerksamkeitsspanne ziemlich gering. Dennoch war die Tour sehr spannend, weil wir jedes Heiligtum der drei monotheistischen Weltreligionen zumindest aus nächster Nähe gesehen haben. Die Grabeskirche, in der sich angeblich das Grab Jesu befindet, haben wir sogar von innen gesehen. Auch Golgata, wo das Kreuz aufgestellt worden sei, befindet sich innerhalb der Kirchenmauern. Als wir dort waren – es war wohl so um 4 – begannen gerade irgendwelche Moenche, am Kreuz zu beten. Natuerlich in Begleitung der Touris. Eine witzige Kleinigkeit: An der Fassade der Grabeskirche ist eine Holzleiter gelehnt, die dort schon Jahrzehnte steht. Der Grund ist, dass sich Juden, Christen und Moslems die Grabeskirche teilen, und niemand weiss, welcher Religionszugehoerigkeit der Aufsteller war. Um also keinen Religionskrieg vom Zaun zu brechen, bleibt die Leiter, wo sie ist.

Jerusalem ist eine unglaubliche Stadt. Hier versammeln sich Glauebige aller Richtungen, Spinner und Touristen. Noch gehoere ich zur letzten Gruppe, aber das aendert sich hoffentlich im Laufe des kommenden Jahres.

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1 Antwort auf „Freud und Leid“


  1. 1 Rebecca 25. September 2010 um 12:33 Uhr

    „Glau­ebi­ge aller Rich­tun­gen, Spin­ner und Tou­ris­ten“ :)

    …und manchmal auch alles in einer person :)

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