Die ersten Tage in Yerushalayim

Wir sind am 11. September tatsächlich um kurz vor vier Uhr zum Flughafen Tegel gefahren. Nach der Party am letzten Abend (bei der der Alkohol ein wenig zu knapp bemessen war) waren alle Beteiligten noch ein wenig müde. Ich habe scheinbar auch im Bus noch geratzt, denn plötzlich und unerwartet waren wir am Airport.

Nach einigen unbequemen Stunden im Flieger sind wir dann tatsächlich am Ben-Gurion-Flughafen gelandet. Unsere Chefin in Israel – Katharina – holte uns ab, dann fuhren wir mit einem Bus vom Flughafen nach Jerusalem. Wir machten einen kurzen Abstecher zur Promenade. Von dort hat man einen tollen Ausblick auf die Hügel von Jerusalem und die Altstadt. Danach fuhren wir endlich zum Beit Ben Yehuda, dem Haus, in dem ich für die nächsten (mittlerweile nur noch) drei Wochen – mit einer eintägigen Ausnahme; dazu weiter unten mehr – wohnen werde.

Unsere Tage sind meistens ziemlich vollgestopft: vormittags haben wir immer Hebräischkurs, der für fünf Stunden angesetzt ist. Wir lernen aber nie diese fünf Stunden durch, zwischendurch gibt es immer wieder Hafsaka – das heisst Pause. Meistens macht Ruth, unsere Lehrerin, auch ein paar Minuten eher Feierabend. Dennoch lernen wir ganz gut, auch wenn ich nicht der fleissigste Mitschreiber bin. Das Lesen und Schreiben auf Iwrit klappt schon sehr gut, mit dem Sprechen haperts leider immer noch ein wenig.

Die Nachmittage waren bisher auch immer ausgebucht: Wir haben beispielsweise einen Ausflug zum jüdischen Markt in Jerusalem gemacht, der ein völlig anderes Einkaufserlebnis gebracht hat. Man hatte die Wahl zwischen dutzenden Geschäften, die zwar alle immer ein wenig differenziertes, aber meist ähnliches Sortiment hatten. Am meisten haben mir die Geschäfte mit Gewürzen imponiert: Dort stehen einfach die Säcke mit Gewürzen da, man muss sich mit einer kleinen Schaufel selbst bedienen. Auch der Laden, in dem es Hülsen- und getrocknete Früchte gab, sah sehr cool aus.
Das Geschäft für diverse Früchte

An anderen Nachmittagen mussten wir uns ein Programm für den Freundeskreisabend, der am Mittwoch stattgefunden hat, überlegen. Der Freundeskreis ist für die Arbeit von ASF Israel sehr wichtig. Er besteht überwiegend aus älteren Menschen, teilweise sogar Holocaustüberlebende. Ich war ausgerechnet an diesem Tag für den Küchendienst eingeteilt, musste also mit meinen Zimmerkollegen und ein paar Freiwilligen das Essen dafür bereitstellen. Wir haben ein paar Gemüsesticks geschnippelt, dazu Dips bereit gestellt, Tomaten gefüllt und Schnittchen zubereitet. Die Gäste waren zufrieden. Ein wesentlicher Bestandteil unserer Vorstellung für den Freundeskreis war ein Film, welchen ich hoffentlich irgendwann jetzt hier verlinken kann. Es war ein wahres Meisterwerk. Mein Projektpartner, Jamal, ist extra an diesem Abend aus Be‘er Sheva angereist. Er war von 6 bis halb 9 da, brauchte aber sicherlich insgesamt 5 Stunden Fahrt hin und zurück. Er ist sehr freundlich und euphorisch, was unsere Zusammenarbeit angeht. Auf der einen Seite ist es schön, dass ich mit so viel Herzlichkeit empfangen werde, auf der anderen Seite sind mit so viele Vorschusslorbeeren auch unangenehm, weil dadurch ein grosser Erwartungsdruck aufgebaut wird. Ich werde sogar in der Sidebar auf der Mitarbeiterwebsite der Organisation, welche mein Projekt trägt, angekündigt.

Gestern, am Donnerstag, waren wir in Yad Vashem, der Gedenkstätte für die Toten des Holocausts und dem Museum für die Vernichtung der Juden. Es war eine ganz zwiespältige Erfahrung: auf der einen Seite war die Ausstellung unglaublich interessant und sehr durchdacht angeordnet, auf der anderen Seite ist der Inhalt – der Sache gemäss – derart widerlich, dass man mit keinem guten Gefühl da raus gehen kann, auch wenn der Ausgang den Blick auf die Hügel Jerusalems eröffnet.

Nun einmal ein paar allgemeine Bemerkungen zu Israel. Da wir bisher so ein enges Programm hatten, kann ich noch nicht allzu viel sagen. Einige Sachen sind mir jedoch auch schon aufgefallen. Es gibt eine sehr hohe Präsenz von bewaffneten Truppen. Man sieht viele Soldaten herumlaufen, die auch oft ihre M4 dabei haben. Besonders gewöhnungsbedürftig für mich war der häufige Anblick von unifomierten Frauen. Das hängt damit zusammen, dass in Israel jeder junge Bürger Militärdienst leisten muss, egal ob Mann oder Frau – es sei denn du bis Araber oder orthodox. Zudem sieht man auf der Strasse und den Bussen tatsächlich viele orthodoxe Juden. Das sind diese, die für das Stereotyp Modell standen: Sie laufen im Anzug oder langem Mantel herum, tragen einen Hut über ihrer schwarzen Kipa, tragen Schläfenlocken und einen langen Bart. Darüber hinaus sieht man viele Männer mit Kipa, der typischen jüdischen Kopfbedeckung.

Hier nimmt man es mit der Pünktlichkeit nicht so genau: Es gibt beispielsweise keine Buspläne, weil die Busse eh nie dann kommen würden, wann sie angekündigt sind. Auch machen die Leute oft einen gemütlichen, eine wichtige hebräische Floskel ist „Rega“: Das heisst wörtlich „Minute“, bedeutet aber eben auch „Warte mal“. Kombiniert wird das oft mit einer Handbewegung, die in Italien „Arschloch“ bedeutet.

In Jerusalem sind alle Strassenschilder in Iwrit, Arabisch und Lateinisch geschrieben. Das macht das Entziffern von Strassennamen zwar leichter, ist aber nicht immer gut, denn wenn man nur das Hebräische hätte, würde man noch besser ins Lesen hineinfinden.
Das Strassenschild der Ein Gedi Street, in der sich das Beit Ben Yehuda befindet.

Jeden Freitag bis Samstag Abend ist Shabbat, der Tag, an dem die Juden traditionell ausruhen. An diesem Tag fahren in Jerusalem gar keine Busse. Die gläubigen Juden machen an diesem Tag auch kein Feuer, das heisst sie rauchen nicht, kochen nicht und fahren kein Auto. Daher kann man auch als Nichtjude nicht viel anderes tun als ausruhen. Dieses Wochenende ist sogar noch ein besonderer jüdischer Feiertag, der Yom Kippur – Versöhnungstag. Wir dürfen dann nicht draussen rauchen, sprechen oder sonst irgendwas tun, sonst drohen Krawalle – das zumindest steht in einer Email mit Sicherheitshinweisen, die wir von unserer Länderbeauftragten bekommen haben. Mich persönlich stört das nicht, da ich eigentlich sowieso aufhören wollte zu rauchen – was mir dann von einer Mitfreiwilligen madig gemacht wurde.

So, das wars fürs Erste. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende. Shabbat Shalom!

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5 Antworten auf „Die ersten Tage in Yerushalayim“


  1. 1 Christiane 17. September 2010 um 14:59 Uhr

    Hört sich ja wieder sehr spannend an, aber das mit dem rauchen glaub ich auch nicht dran;) das würdest du nicht hinbekommen. Du solltest bei deinem Aufenthalt in Israel auch andere Ziele verfolgen.

  2. 2 Christiane 17. September 2010 um 15:03 Uhr

    Ach ja, ein schreckliches Foto mit den vielen Waffen. Wenn ich das sehe möchte ich dich nicht gerne in Israel besuchen, aber es gibt ja andere schönere Fotos:)

  3. 3 Franzi 17. September 2010 um 17:29 Uhr

    Uuuh, hört sich echt spannend an und das Land und seine Bewohner scheinen sehr faszinierend zu sein. Stell dir vor, du wärst in die USA gegangen – wieviel dir da entgangen wär.. ;)
    Aber ich muss Christiane Recht geben, die Waffen auf dem Bild machen schon einen eher unangenehmen Eindruck. Wie ist denn dein Sicherheits-Gefühl vor Ort? Ist die Lage „einigermaßen“ entspannt?

  4. 4 Petra & Dirk 18. September 2010 um 18:18 Uhr

    Wir haben alles von dir hier gelesen und mein Sicherheitsexperte hat mich auf die Notwendigkeit einer E-Mailantwort hingewiesen. Daher wünschen wir dir viele spannende und interessante Erlebnisse und werden deinen Blog sehr genau verfolgen. Wenn du also keine Zeit für separates mailen hast hier können wir dein Leben auch verfolgen. Alles Liebe von hier bis dahin. P&D

  5. 5 Samuel und Ludwig 12. November 2010 um 21:35 Uhr

    Jetzt hör mal hier…
    Wir können uns nicht daran erinnern, dass wir im Bus geschlafen haben. Das soll nicht deine These widerlegen, dass der Alkohol zu knapp bemessen war (der Meinung sind wir nämlich auch).

    Liebe Grüße in die Wüste die zwei von der Tanke

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